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Sonntag 3. März 2024
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Volkstrauertag im Stadtgebiet war wie gewohnt

… oder nicht?

"Wie gewohnt" haben sich auch im Jahr 2023 viele Menschen zum Volkstrauertag an unseren Ehrenmälern in Braunshausen, Liesen, Hesborn und Hallenberg versammelt. Vereint im Gedenken an vom Krieg heimgesuchte Menschen haben sich "wie gewohnt" Vertreterinnen und Vertreter unserer heimischen Vereine sowie des Rates mit dem Bürgermeister aufgemacht und "wie gewohnt", war teilweise auch eine Abordnung unserer Patenschaftskompanie der Burgwaldkaserne zugegen. Die Bevölkerung des gesamten Stadtgebietes Hallenberg steht hinter den Kameradinnen und Kameraden, wir sind stolz und dankbar für diese Verbundenheit.

In Stille erinnern wir uns dieser Tage an die Opfer von Krieg und Gewalt, an jene, die ihr Leben für Frieden und unsere Freiheit opferten. Ihre Opferbereitschaft verpflichtet uns, für eine Welt einzutreten, in der Konflikte nicht mit Waffen, sondern im Dialog gelöst werden.

"Wie gewohnt" ist dies unser Ziel und daran möchte ich mich gewöhnen. Doch lehrt uns besonders die jüngste Vergangenheit, dass nicht alles so ist wie wir es gerne gewohnt wären. Seit die Waffen im Mai 1945 in Deutschland und Europa schwiegen, war die Hoffnung groß, dass dies ein langes Schweigen würde- "wie gewohnt"!

Und tatsächlich: Zu einem Krieg in Deutschland ist es seitdem nicht mehr gekommen. Das liegt auch daran, dass die Deutschen die Verbrecher in der Geschichte unseres Landes anerkannt haben und unsere europäischen Nachbarn seinerzeit bereit waren Schritte der Verständigung und Versöhnung zu gehen. Der wichtigste Schritt, nur wenige Jahre nach Kriegsende, war die Integration des ehemaligen Kriegsgegners Deutschland in die europäische Gemeinschaft, das bis heute erfolgreichste Friedensprojekt in Europa.

Doch seit einiger Zeit ist unser Frieden gestört, ja, zumindest beeinflusst. Ein Angriffskrieg in Europa, gegen die Ukraine, hat unsere Wirklichkeiten seit dem letzten Jahr verschoben. Kriegsgeschehen in einer solchen Nähe ist nicht wie "wie gewohnt", es ist "ungewohnt". Eine Bundeswehr, bei der wir über die Kriegstüchtigkeit diskutieren, für uns "ungewohnt". Antisemitismus, welchen wir von uns weit weggedacht haben, er fällt uns im Alltag durch die tägliche Medienpräsenz, des eskalierten Krisenherdes in Israel, nun doch an der ein oder anderen Stelle wieder eher auf, "ungewohnt"!

Neben dem erfolgreichen Friedensprojekt "Europäische Union", welches nicht nur unseren Frieden sichert, sondern maßgeblich für unseren Lebensstandard sorgt, ist die Bundesrepublik Deutschland auch Mitglied in der Werteunion "NATO".

Dass man sich bei solch einer Partnerschaft aber nicht blind darauf verlassen kann, dass nur eine Seite etwas in die Verbindung investiert, das wissen wir hier und unter uns sowieso. Spätestens seit dem Angriff auf unseren EU- und NATO-Nachbarn, die Ukraine,ist dies auch bei unseren Entscheidern angekommen. Der Begriff Kriegstüchtigkeit ist hart und man will ihn weder lesen noch aussprechen, doch auch unausgesprochen werden die Konflikte nicht weniger gefährlich, auch für uns in der Stadt Hallenberg.

Anfang des kommenden Jahres wird auch unsere Patenkompanie der Bundeswehr in Burgwald erneut in den Einsatz gehen, in Estland, nah an der angegriffenen Ukraine und vor den Toren Russlands werden die uns bekannten Männer und Frauen einen wichtigen Dienst zu unserer Friedenssicherung leisten, wofür ich ihnen bereits ausdrücklich danken möchte.

Der Staat Israel ist wie die Ukraine auch kein NATO-Mitglied, wenn es jedoch um Werte, um Freunde und um Kriegsverbrechen geht, dann lohnt es sich nicht wegzuschauen.

Gerade für junge Bürgerinnen und Bürger ist es müßig über eine Schulddebatte der perversen Taten von vor 85 Jahren zu diskutieren. Was weder müßig, noch "ungewohnt" ist, ist eine Debatte über unsere Werte und Verantwortung in der Gegenwart zu sprechen. Wir alle, wissen das jüdisches Leben in Deutschlands dunkelsten Jahren nicht möglich und gewünscht war, dass das auch in unserer Stadt so war ist Fakt. Viele haben seinerzeit aus Angst vor der Diktatur und den brutalen politischen Entscheidern, weggesehen müssen. Unter Gesichtspunkten dieser vorherrschenden Diktatur und der Angst um das eigene Leben sowie das der Liebsten wollen wir hier keinen Fingerzeig erlauben.

Lasst uns nach vorne, auf das hier und jetzt, schauen. Heute lohnt es sich hinzuschauen, wir haben keine Diktatur, sondern können auf eine freiheitliche Demokratie zurückgreifen, für die viele unserer Vorfahren gekämpft haben.

Lasst uns nicht hinter Parolen und leichtgefertigten Ausagen populistischer Schreihälse verstecken.

Hass und Hetze gegen Migranten, antisemitische oder generell rassistische Alltagsfloskeln, Missgunst, all dass sehen und hören wir sehr oft. Im Zeitalter des Internets ist jeder immer voll informiert, ob die erlangten Informationen jedoch die wahren sind, das müssen wir manchmal sehr kritisch hinterfragen. Der erste Faktencheck, welchen wir zulassen müssen, ist die persönliche Vereinbarung einer Aussage mit unseren inneren Werten. Die Menschen hier vor Ort, ihr alle habt einen inneren Wertekompass und ich glaube an unsere Stadt, ihre Orte und die Menschen die in ihnen leben. Lasst uns gemeinsam die Werte der Menschlichkeit hochhalten und uns bewusst machen, dass der Frieden, den wir heute genießen, auf dem Mut und der Entschlossenheit derer basiert, die vor uns waren. Möge dieses Gedenken uns dazu inspirieren, uns für Frieden und Toleranz einzusetzen – hier vor Ort und weltweit.

Die Opferzahlen eines jeden Krieges oder Konfliktes sind nicht nur die Statistik in der Zeitung, jede einzelne Zahl ist ein Mensch, für mich "ungewohnt"!

Herzlichst

Enrico Eppner

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